{"title":"Autoimmunerkrankungen und die Heringʼschen Regeln","authors":"","doi":"10.1055/s-0044-102036","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Aus Sicht der Homöopathie würde man bei der konventionellen medizinischen Behandlung der meisten Autoimmunerkrankungen ohne großes Zögern einen „Therapienotstand“ (Mathias Dorcsi) konstatieren: Ist doch in den meisten Fällen nur eine unterdrückende Therapie – wenn auch mit immer ausgeklügelteren Methoden wie beispielsweise relativ spezifisch wirkenden Biologicals – möglich, die Autoimmunprozesse zwar in Schach halten können, aber nicht auszuheilen imstande sind. Diese dann so bezeichnete „schulmedizinische Unterdrückung“ wird je nach Homöopathieschule in unterschiedlichem Maße angeprangert, während im Gegenzug die Homöopathie als potenziell heilende Therapie auch bei schweren Autoimmunerkrankungen angesehen wird. Was diese „Unterdrückung“ eigentlich ausmacht, ist weitgehend ungeklärt; Cortison bei Neurodermitis, in der Folge Asthma – dies ist wohl das am häufigsten bemühte Beispiel innerhalb der Homöopathie, woraus bekanntlich eine berühmte Heringʼsche Regel abgeleitet ist. Aber vielleicht sollte man es sich nicht zu einfach machen: Müssen sich Pathologien zwangsläufig linear entwickeln? Schließlich hat jeder Patient nicht nur seine eigene, individuelle genetische Prägung und spezielle Anlagen, sondern auch mit unzähligen weiteren Faktoren zu kämpfen, die krankheitsauslösend oder -verstärkend wirken können: Umwelteinflüsse, psychische und physische Traumata, Infektionen, Nebenwirkungen von Medikamenten etc. Jeder dieser Faktoren für sich kann spezifische Krankheitsprozesse – häufig auch parallel – anstoßen. Multimorbidität mit Allergien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rheuma, Diabetes und anderen Autoimmunerkrankungen ist das Resultat. Viele verschiedene Auslöser und Erkrankungen gleichzeitig: Wo ist dann die Henne, wo das Ei? Georg Ivanovas hat hierzu interessante Erklärungsmodelle über die klassische Unterdrückung („von außen nach innen“) hinaus geliefert, darunter die Unterdrückung rhythmischer Vorgänge im Sinne der Chronobiologie, die Veränderungen im Gleichgewicht der Infektionsabwehr im Zusammenhang mit den Th2-Helferzellen oder nicht beendete apoptotische Prozesse, die immer wieder zum Aufflackern alter Symptome führen [3]. Anders formuliert: Chronisch Kranke leiden auch unter einer Unterdrückung der Eigenregulation bzw. Eigenrhythmik, bei welcher unterschiedliche Krankheitsprozesse moduliert und durch konventionelle Pharmakotherapie noch verkompliziert werden. Als hilfreiches Tool sowohl zum Verständnis von Krankheitsentstehung als auch möglicher Heilungsprozesse hat die Homöopathie die Heringʼschen Regeln parat: „Bei der echten Heilung verschwinden nach Hering die Symptome von oben nach unten, von innen nach außen und in der umgekehrten Richtung ihres Auftretens“ – so die wohl am häufigsten zitierte Version nach Pierre Schmidt. Wenngleich die Entstehung dieser oft auch im Sinne eines Dogmas als „Gesetz“ bezeichneten Regeln in dieser Form homöopathiehistorisch nicht ganz unproblematisch ist – ganz unterschiedliche Vordenker wie Hahnemann, Hering und Kent mitsamt der Philosophie Swedenborgs waren involviert –, so könnte zumindest deren letzter Teil, nämlich dass Symptome in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens verschwinden, als kleinster gemeinsamer Nenner bezeichnet werden [4]. Vor diesem Hintergrund wurde eine spannende Hypothese bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis untersucht: Kann ein auf den Heringʼschen Regeln basiertes Messinstrument das rheumatologische Outcome sinnvoll messen? Eine Arbeitsgruppe um George Lewith und Sarah Brien hat dies mithilfe eines speziell dafür entwickelten Scores namens HELAT (Heringʼs Law ssessment Tool) versucht [1]. Hierbei wurde der klinische Verlauf der homöopathischen Therapie von 32 Patienten entsprechend ausgewertet, die","PeriodicalId":371364,"journal":{"name":"Zeitschrift für Klassische Homöopathie","volume":"30 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2018-03-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Zeitschrift für Klassische Homöopathie","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.1055/s-0044-102036","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
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Abstract
Aus Sicht der Homöopathie würde man bei der konventionellen medizinischen Behandlung der meisten Autoimmunerkrankungen ohne großes Zögern einen „Therapienotstand“ (Mathias Dorcsi) konstatieren: Ist doch in den meisten Fällen nur eine unterdrückende Therapie – wenn auch mit immer ausgeklügelteren Methoden wie beispielsweise relativ spezifisch wirkenden Biologicals – möglich, die Autoimmunprozesse zwar in Schach halten können, aber nicht auszuheilen imstande sind. Diese dann so bezeichnete „schulmedizinische Unterdrückung“ wird je nach Homöopathieschule in unterschiedlichem Maße angeprangert, während im Gegenzug die Homöopathie als potenziell heilende Therapie auch bei schweren Autoimmunerkrankungen angesehen wird. Was diese „Unterdrückung“ eigentlich ausmacht, ist weitgehend ungeklärt; Cortison bei Neurodermitis, in der Folge Asthma – dies ist wohl das am häufigsten bemühte Beispiel innerhalb der Homöopathie, woraus bekanntlich eine berühmte Heringʼsche Regel abgeleitet ist. Aber vielleicht sollte man es sich nicht zu einfach machen: Müssen sich Pathologien zwangsläufig linear entwickeln? Schließlich hat jeder Patient nicht nur seine eigene, individuelle genetische Prägung und spezielle Anlagen, sondern auch mit unzähligen weiteren Faktoren zu kämpfen, die krankheitsauslösend oder -verstärkend wirken können: Umwelteinflüsse, psychische und physische Traumata, Infektionen, Nebenwirkungen von Medikamenten etc. Jeder dieser Faktoren für sich kann spezifische Krankheitsprozesse – häufig auch parallel – anstoßen. Multimorbidität mit Allergien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rheuma, Diabetes und anderen Autoimmunerkrankungen ist das Resultat. Viele verschiedene Auslöser und Erkrankungen gleichzeitig: Wo ist dann die Henne, wo das Ei? Georg Ivanovas hat hierzu interessante Erklärungsmodelle über die klassische Unterdrückung („von außen nach innen“) hinaus geliefert, darunter die Unterdrückung rhythmischer Vorgänge im Sinne der Chronobiologie, die Veränderungen im Gleichgewicht der Infektionsabwehr im Zusammenhang mit den Th2-Helferzellen oder nicht beendete apoptotische Prozesse, die immer wieder zum Aufflackern alter Symptome führen [3]. Anders formuliert: Chronisch Kranke leiden auch unter einer Unterdrückung der Eigenregulation bzw. Eigenrhythmik, bei welcher unterschiedliche Krankheitsprozesse moduliert und durch konventionelle Pharmakotherapie noch verkompliziert werden. Als hilfreiches Tool sowohl zum Verständnis von Krankheitsentstehung als auch möglicher Heilungsprozesse hat die Homöopathie die Heringʼschen Regeln parat: „Bei der echten Heilung verschwinden nach Hering die Symptome von oben nach unten, von innen nach außen und in der umgekehrten Richtung ihres Auftretens“ – so die wohl am häufigsten zitierte Version nach Pierre Schmidt. Wenngleich die Entstehung dieser oft auch im Sinne eines Dogmas als „Gesetz“ bezeichneten Regeln in dieser Form homöopathiehistorisch nicht ganz unproblematisch ist – ganz unterschiedliche Vordenker wie Hahnemann, Hering und Kent mitsamt der Philosophie Swedenborgs waren involviert –, so könnte zumindest deren letzter Teil, nämlich dass Symptome in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens verschwinden, als kleinster gemeinsamer Nenner bezeichnet werden [4]. Vor diesem Hintergrund wurde eine spannende Hypothese bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis untersucht: Kann ein auf den Heringʼschen Regeln basiertes Messinstrument das rheumatologische Outcome sinnvoll messen? Eine Arbeitsgruppe um George Lewith und Sarah Brien hat dies mithilfe eines speziell dafür entwickelten Scores namens HELAT (Heringʼs Law ssessment Tool) versucht [1]. Hierbei wurde der klinische Verlauf der homöopathischen Therapie von 32 Patienten entsprechend ausgewertet, die