{"title":"Zwischen Erinnern und Vergessen: Aktuelle Kontroversen zur Bearbeitung der Vergangenheit","authors":"S. Peters","doi":"10.5771/9783845298597-183","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Nicht nur im Reggaeton gilt: Vergessen ist en vogue! Die Frage des Vergessens im Internet wird in den Feuilletons der Tageszeitungen ebenso zentral diskutiert wie die Herausforderungen der Pflege von Demenzkranken in einer alternden Gesellschaft. Doch darüber hinaus hat das Vergessen in den vergangenen Jahren ein unerwartetes vergangenheitspolitisches Revival erlebt. Bereits vor einem knappen Jahrzehnt wurde eine neue „Konjunktur des Vergessens“ (Dimbath/Wehling 2011: 8) in den Debatten zur kollektiven Erinnerung konstatiert. In Teilen geht dies mit der Intention einher, eine vergangenheitspolitische Richtungsverschiebung vorzunehmen. Die Erinnerung an die Gewalt der Vergangenheit – so der Tenor einer wachsenden Anzahl von Stimmen – lässt die Wunden einer gewaltsamen Vergangenheit nicht etwa heilen, sondern perpetuiere die gesellschaftlichen Gräben und Konflikte beziehungsweise beinhalte sogar den Keim zukünftiger (gewaltsamer) Auseinandersetzungen. Diese Position steht in einem bemerkenswerten Kontrast zum mühsam erkämpften Konsens über den Wert der Erinnerung als Teil der Bearbeitung der Gewalt von Diktaturen, Bürgerkriegen und massiven Menschenrechtsverletzungen. Damit opponiert sie auch gegen die Bedeutung der kollektiven Erinnerung als Bedingung der Möglichkeit auf dem Weg zur Prävention der Wiederholung solcher Gewalttaten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Imperativ der Erinnerung ist weiterhin weit verbrei-","PeriodicalId":301681,"journal":{"name":"Gewalt und Konfliktbearbeitung in Lateinamerika","volume":"22 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"1","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Gewalt und Konfliktbearbeitung in Lateinamerika","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.5771/9783845298597-183","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
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Abstract
Nicht nur im Reggaeton gilt: Vergessen ist en vogue! Die Frage des Vergessens im Internet wird in den Feuilletons der Tageszeitungen ebenso zentral diskutiert wie die Herausforderungen der Pflege von Demenzkranken in einer alternden Gesellschaft. Doch darüber hinaus hat das Vergessen in den vergangenen Jahren ein unerwartetes vergangenheitspolitisches Revival erlebt. Bereits vor einem knappen Jahrzehnt wurde eine neue „Konjunktur des Vergessens“ (Dimbath/Wehling 2011: 8) in den Debatten zur kollektiven Erinnerung konstatiert. In Teilen geht dies mit der Intention einher, eine vergangenheitspolitische Richtungsverschiebung vorzunehmen. Die Erinnerung an die Gewalt der Vergangenheit – so der Tenor einer wachsenden Anzahl von Stimmen – lässt die Wunden einer gewaltsamen Vergangenheit nicht etwa heilen, sondern perpetuiere die gesellschaftlichen Gräben und Konflikte beziehungsweise beinhalte sogar den Keim zukünftiger (gewaltsamer) Auseinandersetzungen. Diese Position steht in einem bemerkenswerten Kontrast zum mühsam erkämpften Konsens über den Wert der Erinnerung als Teil der Bearbeitung der Gewalt von Diktaturen, Bürgerkriegen und massiven Menschenrechtsverletzungen. Damit opponiert sie auch gegen die Bedeutung der kollektiven Erinnerung als Bedingung der Möglichkeit auf dem Weg zur Prävention der Wiederholung solcher Gewalttaten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Imperativ der Erinnerung ist weiterhin weit verbrei-