Pub Date : 1900-01-01DOI: 10.5771/9783748907299-145
R. Heller
Trotz anhaltend schwacher Wirtschaftsleistung zeigt Russland größte Entschlossenheit, seinen globalen Einfluss zu vergrößern. Dabei ist Russlands Politik hochgradig konfliktträchtig: Zum einen spielen hard power und der Rückgriff auf Gewalt als Mittel der Außenpolitik eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Eine Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen und dauerhafte Verwerfungen scheinen russische Entscheidungsträger dabei bewusst in Kauf zu nehmen. Die völkerrechtswidrige Angliederung der Krim durch Moskau im April 2014 und die verdeckte militärische Operation in der Ostukraine haben eine veritable Krise in den Beziehungen herbeigeführt. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich diese negative Entwicklung schon seit längerem angekündigt hat. Erste handfeste Verwerfungen folgten nach Russlands militärischer Intervention in Georgien 2008. Irritationen im Verhältnis gab es zudem auch vorher immer wieder. Dabei findet sich im offiziellen russischen Diskurs stets ein ähnlicher Sub-Text, der deutliche Gefühle der Wut transportiert, insbesondere über die Erfahrung von Missachtung Russlands in den internationalen Beziehungen durch den Westen.1 Welche Funktion hat diese Wut? Und vor allem: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem vorgebrachten Gefühl und Russlands neuer Großmachtpolitik, und wenn ja, welchen? Inhaltlich suggerieren die aus Russland vorgebrachten rhetorischen Wut-Figuren, dass hier der moralische Vorwurf einer Geringschätzung der selbst-definierten Rolle, Relevanz und Position – kurz: des sozialen Status Russlands in den internationalen Beziehungen – zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne ist in der Forschung zunehmend darauf hingewiesen worden, dass Russlands Verhalten in den internationalen Beziehungen nicht zu verstehen sei, ohne dabei die Sorge seiner politischen Eliten um den sozialen Status des Landes als ein-
{"title":"Der Wut auf der Spur. Zur Rolle von Emotionen in Russlands Politik gegenüber dem Westen","authors":"R. Heller","doi":"10.5771/9783748907299-145","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-145","url":null,"abstract":"Trotz anhaltend schwacher Wirtschaftsleistung zeigt Russland größte Entschlossenheit, seinen globalen Einfluss zu vergrößern. Dabei ist Russlands Politik hochgradig konfliktträchtig: Zum einen spielen hard power und der Rückgriff auf Gewalt als Mittel der Außenpolitik eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Eine Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen und dauerhafte Verwerfungen scheinen russische Entscheidungsträger dabei bewusst in Kauf zu nehmen. Die völkerrechtswidrige Angliederung der Krim durch Moskau im April 2014 und die verdeckte militärische Operation in der Ostukraine haben eine veritable Krise in den Beziehungen herbeigeführt. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich diese negative Entwicklung schon seit längerem angekündigt hat. Erste handfeste Verwerfungen folgten nach Russlands militärischer Intervention in Georgien 2008. Irritationen im Verhältnis gab es zudem auch vorher immer wieder. Dabei findet sich im offiziellen russischen Diskurs stets ein ähnlicher Sub-Text, der deutliche Gefühle der Wut transportiert, insbesondere über die Erfahrung von Missachtung Russlands in den internationalen Beziehungen durch den Westen.1 Welche Funktion hat diese Wut? Und vor allem: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem vorgebrachten Gefühl und Russlands neuer Großmachtpolitik, und wenn ja, welchen? Inhaltlich suggerieren die aus Russland vorgebrachten rhetorischen Wut-Figuren, dass hier der moralische Vorwurf einer Geringschätzung der selbst-definierten Rolle, Relevanz und Position – kurz: des sozialen Status Russlands in den internationalen Beziehungen – zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne ist in der Forschung zunehmend darauf hingewiesen worden, dass Russlands Verhalten in den internationalen Beziehungen nicht zu verstehen sei, ohne dabei die Sorge seiner politischen Eliten um den sozialen Status des Landes als ein-","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"169 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"134256965","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
Pub Date : 1900-01-01DOI: 10.5771/9783748907299-37
Robin Markwica
Die Forschung über Emotionen in den internationalen Beziehungen hat in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen. Es besteht jedoch noch kein Konsens darüber, wie ihre Rolle in der politischen Entscheidungsfindung theoretisiert werden soll. Einige Politikwissenschaftler*innen (zum Beispiel: Becker 1996, 231-237; Hirshleifer 1993, 185ff.) haben versucht, Emotionen in die Rational Choice Theory zu integrieren. Sie schlagen vor, dass sie als unabhängige Variablen in rationalistische Kosten-Nutzenberechnungen eingehen. Andere haben entgegnet, ein solcher Ansatz werde der sozialen Natur von Emotionen nicht gerecht. Obwohl Emotionen von Individuen gefühlt werden, hat anthropologische und soziologische Forschung gezeigt, dass sie nicht von dem sozialen Umfeld, in dem sie entstehen, isoliert werden können. Konstruktivist*innen haben daher angefangen, Emotionen in die Logik der Angemessenheit einzubeziehen. Sie haben wertvolle Studien darüber vorgelegt, wie Emotionen dazu beitragen, Normen, Identitäten und Gemeinschaften zu konstituieren, und wie diese kulturellen Konstrukte im Gegenzug affektive Erfahrung prägen (zum Beispiel: Hutchison 2016; Fierke 2013; Koschut 2015, 7-33). Klassischen kontruktivistischen Perspektiven fällt es aber schwer, den körperlichen, dynamischen und zu einem gewissen Grad unfreiwilligen Charakter von Emotionen zu erfassen. Denn ihre Logik der Angemessenheit ist in erster Linie darauf ausgerichtet, reflektives Verhalten und ideelle Kräfte zu theoretisieren (vgl. Ross 2006, 200 und 209). Emotionen sind jedoch nicht nur soziale, sondern auch körperliche Erfahrungen, die an das autonome Nervensystem eines Organismus gebunden sind. Menschen empfinden Emotionen körperlich, oftmals bevor sie sich ihrer bewusst werden. Diese physiologischen Prozesse üben tiefgreifende Einflüsse auf Kognition und Verhalten aus. Sie erzeugen oder hemmen Energie, was die Entscheidungsfindung zu einem kontinuierlich dynamischen Phänomen macht (vgl. Evans/Cruse 2004, xiv; Prinz 2004, 74). Nur wenn wir diese physiologische Dimension erfassen, können wir verstehen und erklären, wie Emotionen menschliches Entscheidungsverhalten prägen.
{"title":"Eine emotionale Entscheidung: Iraks Angriff auf Kuwait im Jahr 1990","authors":"Robin Markwica","doi":"10.5771/9783748907299-37","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-37","url":null,"abstract":"Die Forschung über Emotionen in den internationalen Beziehungen hat in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen. Es besteht jedoch noch kein Konsens darüber, wie ihre Rolle in der politischen Entscheidungsfindung theoretisiert werden soll. Einige Politikwissenschaftler*innen (zum Beispiel: Becker 1996, 231-237; Hirshleifer 1993, 185ff.) haben versucht, Emotionen in die Rational Choice Theory zu integrieren. Sie schlagen vor, dass sie als unabhängige Variablen in rationalistische Kosten-Nutzenberechnungen eingehen. Andere haben entgegnet, ein solcher Ansatz werde der sozialen Natur von Emotionen nicht gerecht. Obwohl Emotionen von Individuen gefühlt werden, hat anthropologische und soziologische Forschung gezeigt, dass sie nicht von dem sozialen Umfeld, in dem sie entstehen, isoliert werden können. Konstruktivist*innen haben daher angefangen, Emotionen in die Logik der Angemessenheit einzubeziehen. Sie haben wertvolle Studien darüber vorgelegt, wie Emotionen dazu beitragen, Normen, Identitäten und Gemeinschaften zu konstituieren, und wie diese kulturellen Konstrukte im Gegenzug affektive Erfahrung prägen (zum Beispiel: Hutchison 2016; Fierke 2013; Koschut 2015, 7-33). Klassischen kontruktivistischen Perspektiven fällt es aber schwer, den körperlichen, dynamischen und zu einem gewissen Grad unfreiwilligen Charakter von Emotionen zu erfassen. Denn ihre Logik der Angemessenheit ist in erster Linie darauf ausgerichtet, reflektives Verhalten und ideelle Kräfte zu theoretisieren (vgl. Ross 2006, 200 und 209). Emotionen sind jedoch nicht nur soziale, sondern auch körperliche Erfahrungen, die an das autonome Nervensystem eines Organismus gebunden sind. Menschen empfinden Emotionen körperlich, oftmals bevor sie sich ihrer bewusst werden. Diese physiologischen Prozesse üben tiefgreifende Einflüsse auf Kognition und Verhalten aus. Sie erzeugen oder hemmen Energie, was die Entscheidungsfindung zu einem kontinuierlich dynamischen Phänomen macht (vgl. Evans/Cruse 2004, xiv; Prinz 2004, 74). Nur wenn wir diese physiologische Dimension erfassen, können wir verstehen und erklären, wie Emotionen menschliches Entscheidungsverhalten prägen.","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"26 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"127532151","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
Pub Date : 1900-01-01DOI: 10.5771/9783748907299-213
Sybille Reinke de Buitrago
Emotionen spielen eine wichtige Rolle in Online-Diskursen von extremistischen Akteuren. So haben die letzten Jahre gezeigt, dass Radikalisierungsprozesse auch im Online-Raum und über Online-Diskurse stattfinden bzw. verstärkt werden. Die sozialen Medien werden aktiv und gezielt von extremistischen Akteuren genutzt, um ihre Sichtweisen, Botschaften und Forderungen zu verbreiten. Mit dem Ziel, andere zu überzeugen und Unterstützung und Gefolgschaft zu mobilisieren, spielen sie dabei auch mit Emotionen. Sie geben Themen emotionale Frames, emotionalisieren die eigenen Aussagen oder die von anderen und sprechen Emotionen strategisch an bzw. evozieren Emotionen. Emotionen transportieren Inhalte auf eine besonders prägnante Art, das heißt, sie verdeutlichen Inhalte, lassen sie spürbar werden. Mittels Emotionen können Inhalte eine Prägung bzw. Richtung und mehr Gewicht bekommen können, weshalb es mehr Bewusstsein zu emotionalen Frames wie auch einen kritischen Umgang damit bedarf. Das vorliegende Kapitel1 zeigt und diskutiert die emotionalen Frames in Videos und Online-Text von islamistischen und rechtsextremistischen/-populistischen Gruppen in Deutschland; der Schwerpunkt liegt auf dem Anfang eines möglichen Radikalisierungsprozesses.
{"title":"Radikalisierung, Online-Diskurse und Emotionen","authors":"Sybille Reinke de Buitrago","doi":"10.5771/9783748907299-213","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-213","url":null,"abstract":"Emotionen spielen eine wichtige Rolle in Online-Diskursen von extremistischen Akteuren. So haben die letzten Jahre gezeigt, dass Radikalisierungsprozesse auch im Online-Raum und über Online-Diskurse stattfinden bzw. verstärkt werden. Die sozialen Medien werden aktiv und gezielt von extremistischen Akteuren genutzt, um ihre Sichtweisen, Botschaften und Forderungen zu verbreiten. Mit dem Ziel, andere zu überzeugen und Unterstützung und Gefolgschaft zu mobilisieren, spielen sie dabei auch mit Emotionen. Sie geben Themen emotionale Frames, emotionalisieren die eigenen Aussagen oder die von anderen und sprechen Emotionen strategisch an bzw. evozieren Emotionen. Emotionen transportieren Inhalte auf eine besonders prägnante Art, das heißt, sie verdeutlichen Inhalte, lassen sie spürbar werden. Mittels Emotionen können Inhalte eine Prägung bzw. Richtung und mehr Gewicht bekommen können, weshalb es mehr Bewusstsein zu emotionalen Frames wie auch einen kritischen Umgang damit bedarf. Das vorliegende Kapitel1 zeigt und diskutiert die emotionalen Frames in Videos und Online-Text von islamistischen und rechtsextremistischen/-populistischen Gruppen in Deutschland; der Schwerpunkt liegt auf dem Anfang eines möglichen Radikalisierungsprozesses.","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"89 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"121370034","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
Emotions, such as compassion for the suffering of others or the fear of war and poverty, are omnipresent in international politics. Nevertheless, for a long time reason and not feeling were considered to be the greatest human achievements. However, the most recent groundbreaking findings in the neurosciences call this dictum into question: Emotion and rationality, feeling and reason, do not represent a contradiction but rather condition one another. This leads to fundamental questions that the discipline of international relations (IR) should ask itself: What can emotions contribute to the central research questions and analyses of international politics? Is there a theory of emotion and is it even desirable? How can emotions be captured meth-odologically and empirically? With contributions by Harald Müller, Cilja Harders, Bilgin Ayata, Robin Markwica, Gabi Schlag, Bastian Loges, Regina Heller, Maéva Clément, Sybille Reinke de Buitrago, Jelena Cupać and Simon Koschut.
{"title":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","authors":"Simon Koschut","doi":"10.5771/9783748907299-7","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-7","url":null,"abstract":"Emotions, such as compassion for the suffering of others or the fear of war and poverty, are omnipresent in international politics. Nevertheless, for a long time reason and not feeling were considered to be the greatest human achievements. However, the most recent groundbreaking findings in the neurosciences call this dictum into question: Emotion and rationality, feeling and reason, do not represent a contradiction but rather condition one another. This leads to fundamental questions that the discipline of international relations (IR) should ask itself: What can emotions contribute to the central research questions and analyses of international politics? Is there a theory of emotion and is it even desirable? How can emotions be captured meth-odologically and empirically?\u0000\u0000With contributions by\u0000Harald Müller, Cilja Harders, Bilgin Ayata, Robin Markwica, Gabi Schlag, Bastian Loges, Regina Heller, Maéva Clément, Sybille Reinke de Buitrago, Jelena Cupać and Simon Koschut.","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"84 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"123533062","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
Pub Date : 1900-01-01DOI: 10.5771/9783748907299-189
Maéva Clément
Kaum ein anderes Thema hat in den vergangenen zwanzig Jahren sozialwissenschaftliche Forschung so stark geprägt wie das Thema Terrorismus. Die affektive Dimension sowohl von Terrorismus als auch von Terrorismusbekämpfung jedoch hat dabei nur wenig Aufmerksamkeit erhalten. Trotz disziplinübergreifender Appelle zur Auseinandersetzung mit emotionalen Phänomenen (Wright-Neville/Smith 2009; Rice 2009; Ducol 2013) und der Erkenntnis, dass auch die Erforschung von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung eine emotionale Angelegenheit ist (Toros 2017), spielen Emotionen in den theoretischen und empirischen Ansätzen von Terrorismusforscher*innen kaum eine Rolle. Zwar ist die Zahl der jüngeren Studien, die Emotionen erwähnen, sicherlich nicht gering. Es haben sich jedoch nur ausgesprochen wenige Studien damit befasst, ihre Bedeutungen in den Praktiken von oder Prozessen hin zu politischer Gewalt zu analysieren. Dieser Beitrag erläutert am Beispiel der Terrorismusforschung, warum die Auseinandersetzung mit Emotionen relevant und vielversprechend ist und veranschaulicht, welche Wege emotionssensible Terrorismusforschung einschlagen kann. In einem ersten Schritt begründe ich, warum es eines epistemologischen Wandels bedarf, der einen Fokus auf kollektive Emotionen mit sich bringt, und was Terrorismusforschung dadurch konzeptionell, theoretisch und empirisch gewinnen würde. In einem zweiten Schritt nehme ich ausgewählte Zugänge in Augenschein und klopfe sie darauf ab, inwieweit Emotionen berücksichtigt werden. Dabei konzentriere ich mich auf drei Bereiche, die vielversprechend erscheinen, um Emotionen (wieder) in die Untersuchung von Terrorismus und seiner Bekämpfung einzubringen: Radikalisierungsund Extremismusforschung, Interaktionen innerhalb von und zwischen Gruppen, und Narrative politischer Gewalt. Im Zuge dessen stelle ich einige der Annahmen in Frage, die die Terrorismusforschung über Emotionen vertritt und erörtere disziplinübergreifende Erkenntnisse, die sich auf die (kritische) Terrorismusforschung übertragen und darin weiterentwickeln lassen. Die Ausführungen stützen sich auf Studien über rechte und islamistische (militante) Akteure sowie
{"title":"Kollektive Emotionen und politische Gewalt: Konturen eines neuen Forschungsprogramms in der Terrorismusforschung","authors":"Maéva Clément","doi":"10.5771/9783748907299-189","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-189","url":null,"abstract":"Kaum ein anderes Thema hat in den vergangenen zwanzig Jahren sozialwissenschaftliche Forschung so stark geprägt wie das Thema Terrorismus. Die affektive Dimension sowohl von Terrorismus als auch von Terrorismusbekämpfung jedoch hat dabei nur wenig Aufmerksamkeit erhalten. Trotz disziplinübergreifender Appelle zur Auseinandersetzung mit emotionalen Phänomenen (Wright-Neville/Smith 2009; Rice 2009; Ducol 2013) und der Erkenntnis, dass auch die Erforschung von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung eine emotionale Angelegenheit ist (Toros 2017), spielen Emotionen in den theoretischen und empirischen Ansätzen von Terrorismusforscher*innen kaum eine Rolle. Zwar ist die Zahl der jüngeren Studien, die Emotionen erwähnen, sicherlich nicht gering. Es haben sich jedoch nur ausgesprochen wenige Studien damit befasst, ihre Bedeutungen in den Praktiken von oder Prozessen hin zu politischer Gewalt zu analysieren. Dieser Beitrag erläutert am Beispiel der Terrorismusforschung, warum die Auseinandersetzung mit Emotionen relevant und vielversprechend ist und veranschaulicht, welche Wege emotionssensible Terrorismusforschung einschlagen kann. In einem ersten Schritt begründe ich, warum es eines epistemologischen Wandels bedarf, der einen Fokus auf kollektive Emotionen mit sich bringt, und was Terrorismusforschung dadurch konzeptionell, theoretisch und empirisch gewinnen würde. In einem zweiten Schritt nehme ich ausgewählte Zugänge in Augenschein und klopfe sie darauf ab, inwieweit Emotionen berücksichtigt werden. Dabei konzentriere ich mich auf drei Bereiche, die vielversprechend erscheinen, um Emotionen (wieder) in die Untersuchung von Terrorismus und seiner Bekämpfung einzubringen: Radikalisierungsund Extremismusforschung, Interaktionen innerhalb von und zwischen Gruppen, und Narrative politischer Gewalt. Im Zuge dessen stelle ich einige der Annahmen in Frage, die die Terrorismusforschung über Emotionen vertritt und erörtere disziplinübergreifende Erkenntnisse, die sich auf die (kritische) Terrorismusforschung übertragen und darin weiterentwickeln lassen. Die Ausführungen stützen sich auf Studien über rechte und islamistische (militante) Akteure sowie","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"71 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"126837615","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
Pub Date : 1900-01-01DOI: 10.5771/9783748907299-59
G. Schlag
Über eine Million Menschen überquerten 2015 das Mittelmeer, mehr als 3.500 starben während ihrer riskanten Überfahrt (vgl. IOM 2017). Diese menschliche Tragödie erhielt am 2. September 2015 ein Gesicht und einen Namen: Alan (Aylan) Kurdi, ein fast drei Jahre alter Junge aus Syrien, dessen Leichnam in Bodrum in der Türkei an Land gespült wurde. Zwölf Geflüchtete, darunter Alans Bruder Galip und seine Mutter Rehen, ertranken an diesem Tag im Mittelmeer. Als Bürger*innen und Akademiker*innen sind wir täglich mit einer Vielzahl von bewegenden, herzergreifenden und emotional aufgeladenen Bildern konfrontiert. Das Nachdenken über die politikwissenschaftliche Relevanz von Bildern und Emotionen steht dabei jedoch in der deutschsprachigen Forschungslandschaft noch am Anfang. In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, wie das Zusammenspiel von Bildern und Emotionen Diskurse internationaler Politik prägt. Sowohl Bilder, Emotionen als auch Diskurse sind dabei durch ein hohes Maß an Ambiguität geprägt und bedürfen einer Methodologie, die Sinn und Sinnlichkeit von Bildern und Emotionen zugleich erfassen kann. Denn die Sichtbarmachung von Leid und die Artikulation von Mitgefühl führt nicht zwangsläufig dazu, dass politisch verantwortungsvoll gehandelt wird. Um dieses potentielle, kontingente und zugleich ambivalente Zusammenwirken von Bildern und Emotionen besser verstehen zu können, skizziere ich eine multidimensionale Methodik, die die Repräsentation, Artikulation und Performanz von Gefühlen in verschiedenen Dimensionen erfassen kann. Veranschaulichen möchte ich die Nützlichkeit dieser Methodologie
{"title":"#humanitywashedashore – Visualität und Emotionen in der internationalen Politik","authors":"G. Schlag","doi":"10.5771/9783748907299-59","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-59","url":null,"abstract":"Über eine Million Menschen überquerten 2015 das Mittelmeer, mehr als 3.500 starben während ihrer riskanten Überfahrt (vgl. IOM 2017). Diese menschliche Tragödie erhielt am 2. September 2015 ein Gesicht und einen Namen: Alan (Aylan) Kurdi, ein fast drei Jahre alter Junge aus Syrien, dessen Leichnam in Bodrum in der Türkei an Land gespült wurde. Zwölf Geflüchtete, darunter Alans Bruder Galip und seine Mutter Rehen, ertranken an diesem Tag im Mittelmeer. Als Bürger*innen und Akademiker*innen sind wir täglich mit einer Vielzahl von bewegenden, herzergreifenden und emotional aufgeladenen Bildern konfrontiert. Das Nachdenken über die politikwissenschaftliche Relevanz von Bildern und Emotionen steht dabei jedoch in der deutschsprachigen Forschungslandschaft noch am Anfang. In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, wie das Zusammenspiel von Bildern und Emotionen Diskurse internationaler Politik prägt. Sowohl Bilder, Emotionen als auch Diskurse sind dabei durch ein hohes Maß an Ambiguität geprägt und bedürfen einer Methodologie, die Sinn und Sinnlichkeit von Bildern und Emotionen zugleich erfassen kann. Denn die Sichtbarmachung von Leid und die Artikulation von Mitgefühl führt nicht zwangsläufig dazu, dass politisch verantwortungsvoll gehandelt wird. Um dieses potentielle, kontingente und zugleich ambivalente Zusammenwirken von Bildern und Emotionen besser verstehen zu können, skizziere ich eine multidimensionale Methodik, die die Repräsentation, Artikulation und Performanz von Gefühlen in verschiedenen Dimensionen erfassen kann. Veranschaulichen möchte ich die Nützlichkeit dieser Methodologie","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"22 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"115018822","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}
{"title":"Titelei/Inhaltsverzeichnis","authors":"","doi":"10.5771/9783748907299-1","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907299-1","url":null,"abstract":"","PeriodicalId":444185,"journal":{"name":"Emotionen in den Internationalen Beziehungen","volume":"1 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"1900-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"116141005","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}